INFO

TOM GRIMM

1969 geboren in Rottweil

seit 1991 zahlreiche Ausstellungen

diverse Arbeiten in öffentlicher Hand

2001 Förderpreis der Kulturstiftung Rottweil

2002/03 Tätigkeit Bühnenplastik Nationaltheater Mannheim

Lebt und wirkt in und aus Rottweil

Zwischen Traum und vermeintlicher Wirklichkeit, Geschichte und sich stets neu erfindender Gegenwart mäandern Tom Grimms Bühnenbilder des Lebens, mal diffus, intransparent, düster, mal hell erleuchtet aber nicht weniger geheimnisvoll.

Ohne didaktisch zu ermahnen, wecken seine Arbeiten in uns eine leise Obacht. Was als Wort gänzlich aus der Mode gekommen ist, beschreibt doch inhaltlich treffend, worum es geht. Wir müssen die Welt im Blick behalten. Uns nicht nur durch Nachrichten und Schlagzeilen auf dem Laufenden halten, wir müssen selbst schauen, wahrnehmen, beobachten, was da um uns passiert. Und dann handeln.

Ariane Faller (Aus „Hausfriedensbruch“, 2024, Stadtmuseum Hüfingen)

Der Zeit den Rücken kehrend

Panik herrschte, Angst waberte durch die Gemüter und die Gemäuer. War dem geweissagten Weltuntergang um Jahreswechsel 999/1000 irgendwie mit menschlicher Kraft, gebetvoller Inbrunst und gläubiger Hingabe zu begegnen? Die verängstigte Christenheit in Rom versammelte sich in St. Peter zur Mitternachtsmette, demutsvoll und immer gelassener, je näher die „Stunde Null“ heranrückte. Es musste halt kommen, wie es verkündet war; aus ist`s mit menschlichem Streben und auch der Welt.

Papst Silvester II., der 141. Papst der Kirche, sah das gelassener. Er, eigentlich Gerbert von Aurillac aus der Auvergne, war der erste Franzose, der den päpstlichen Stuhl bestieg (999). Sein bei den arabischen Lehrmeistern in Sevilla und Cordoba erlerntes, enormes Wissen auf dem Gebiet der Mathematik, Philosophie und der Naturwissenschaften brachte ihm den legendären Ruf eines Hexenmeisters ein. Papst Silvester der II starb am 12. Mai 1003. Der Legende nach soll Knochengerasssel hinter seiner Grabplatte im Lateran den baldigen Tot eines Papstes ankündigen.

Aber die kritische Minute verstrich, die Welt ging erst mal wieder nicht unter. Und um 0.20 des 1. Januar 1000 herrschte erleichtertes Aufatmen in St. Peter. Während vor der Basilika und erstrecht in den „weltlicheren“ Gassen von Trastevere die Hölle und jedwede Exzessivität losbrach. Man hatte dem Ende der Zeit den Rücken kehren können. Rom war stehen geblieben – und der Rest der Welt auch.

Jetzt sind wir wieder weiter, ein wenig, nur knappe 1000 Jahre später – und wieder reden wir über das Ende dieses Planeten aus ziemlich zwingendem Grund: diesmal nicht prophezeit, sondern selbstgemacht, leichtfertigst passieren lassen…

Und wie schon so unsäglich oft redet man mal wieder das Ende der Kunst herbei. Sehnsuchtsvoll wünscht man sich die Zeiten herbei (die es n i e gegeben hatte!) in denen „Kunst“ vor allem Stabilität, Sicherheit und Richtigkeit verhieß.

Da war etwa toll! Das wurde dann schnell vernutzt, abgelutscht, vermarktet und zu schlaffem Staub. Also, auf ein Neues! Weg mit der Asche, weg mit den Trümmern, weg mit dem Abfall eines glühenden und blendenden Fortschritts!

In diesem Jahrhundert wurden die Stile und die Moden und die Marktgerechtigkeiten immer schneller, häufiger, vehementer und intensiver gewechselt, weggeschmissen, verfemt oder verlacht.

Und nun? Wo ist der leuchtende Pfad? Da ist die profunde Gläubigkeit an den Fortgang der Kunst, die gerade war und doch noch nicht ist; das was sein könnte, ohne selbstsicher im Jetzt zu verharren. Kunst, die uns nicht anspricht, die der Sprache mißtraut, also vorerst verstummt, im Staunen unerwartet, achtungsvoll.

Wohin nun? Ein wenig Wissen, ein wenig Gucken-Können, ein wenig Schnuppernasigkeit vorausgesetzt?

Da ist ein wunderschöner Stolperstein! Die unerhörte, unerwartete, ungeliebte, kaum auch tolerierte Anwesenheit von „Kunst“ in unserem Leben, sei sie auch oft zur kommerziellem Dekor verkommen, zum ekelhaftem Feigenblatt einer korrupten Gesellschaft geraten, die einlullt, was sich zu emanzipieren begann. Aufbruch also? Kampf und Bekämpfung? Die Antwort von Tom Grimm lautet selbstverständlich: nichts da!!

Tom Grimm hat Mut – und mit Recht Zuversicht. Er lässt sich nicht einschüchtern von der landläufigen Meinung, dass nun alles da gewesen wäre, nichts mehr zu tun möglich sei – und daß nun alle überhaupt die Faxen dicke hätten. Er macht sich auf, diese Welt, seine Welt, unsere Welt vertrauensvoll, aber neu zu stabilisieren, sie gar zu verbessern, ein Panorama zu entwerfen, wie die neue Wirklichkeit ins Werk zu setzen sei. Und diese Frage stellt er richtig und aufrichtig: nicht welche Stilmittel zur Anwendung kommen sollten, sondern welche Waffen er benutzen müßte, um der abgefeimten Gleichgültigkeit zu begegnen!

Wie geht das vonstatten, ohne auf Glatteis auszurutschen, das schon ganz zerschliddert ist? Da fehlen herkömmliche Disziplinen! Das ist nicht Malerei – obwohl auch! Das riecht nicht nach Skulptur – obwohl auch! Das ist nicht notierte concept-art, obwohl auch! Da wird nicht nach Postsurreal Kästchen und Objekten geschielt (Obwohl darunter manch stattlicher Großvater zu finden ist) und das ist nichts eigentlich abstrakt oder puristisch, obwohl auch. Und von abgebildeter Realität kann schon gar nicht die Rede sein. Das alles muss gräßlich klingen, ist es aber nicht. Er erweist – wie so oft – nur die totale Unzulänglichkeit der herkömmlichen Kunstgeschichtssprache. Aber ist das nicht sehr gut? Da fängt etwas Neues an, ist ständig auf dem Weg zu neuerem Neuen. Eine Sprache, die zu Tom Grimms Arbeiten passen könnte, die wird es erst noch geben; mit schlagkräftigen Schimpfworten (wie so oft in der Kunstgeschichte dieses Jahrhunderts) sollte man vorsichtig sein. Wozu denn Eile mit Benenn-Möglichkeit?

Alles ist offen und sichtbar; offensichtlich tritt zu Tage was getan wurde – und warum. Soll er doch – zu seinem und zu unserem Glück – noch ein Weilchen ganz „stillos“ bleiben am Ende dieses schubladenreichen Jahrtausends!

Man sieht und versteht alles, aber es bleibt ein zwinkernder Rest: schwankende Klarheit über Selbstverständlichkeiten – und stabiles Staunen über vorerst wacklige Unklarheiten.

Wenn man einige Arbeiten von Tom Grimm gesehen hat, und  man begegnet an unvermutetem Ort einer anderen, dann wird  man sofort widererkennen, wer der Autor ist. Ein „Aha Erlebnis“ der freudigen Augen – dem die Sprache noch nicht gewachsen ist. Immerhin soviel ist möglich: fast immer gibt es drei Ebenen: Auf der ersten erkennt man, woraus es gemacht wurde, fast immer ganz unkünstlerische Bausteine, die man erkennen kann, was aber nicht viel ergibt. Auf der zweiten Ebene erfolgt deren Zuordnung, die man ruhig „Komposition“ nennen darf. Und auf der dritten Ebene wird es geheimnisvoll, da tritt Sinn auf und Bedeutung, auch Hintersinn und Rätsel. Man muß nicht nur Gucken, darf auch Spinnen und Weiterdenken.

Nicht viele Künstler haben heute – wie Tom Grimm – die Haltung und den Mut, gegen „Stil“ und „Zeit“ anzupusten. Was vor ihm war, das ist ihm längst Geschichte. Lässig kehrt er der Zeit den Rücken, sonst käme er nicht weiter.

Manfred de la Motte (Aus „WundVerbände“, 1995, Berlin)

Nichts ist, wie es scheint,
und nichts scheint, wie es ist!

Hier zeigt sich einer, der sich und seinem Publikum etwas kundtun kann und will. Doch Vorsicht! Nicht die Sprache so sehr sie an und für sich einen gewichtigen Part in der Objektkunst Tom Grimms einnimmt –, nicht die Sprache der bloßen Unterhaltung steht im Vordergrund seiner Künstlerischen Arbeit, nein: es ist die Sprache, der ein tiefer Mitteilungscharakter eigen ist und die genauso bitterernst wie gebrochen ironisch sich artikuliert. »Lacht doch mal wieder«!

Tom Grimm bevorzugt in seinen Assemblagen, Objektkästen und den gelegentlich zwischen den dreidimensionalen Werken entstehenden Bildern einen Humor und Witz, der sich ernst nimmt und einen Ernst, der sich humorvoll gibt. Es ist die Doppel- und Mehrdeutigkeit, es ist auch die Dualität in der Bildsprache des Künstlers, die Unterscheidung von Sach- und Bildebene und schließlich das Aufzeigen des »tertium comparationis«, des vergleichenden Dritten, das uns Betrachtern als Aufgabe zukommt. Interaktive Kunst, man wird’s kaum glauben.

Die Frage nach der Priorität von Huhn oder Ei ist bei Tom Grimm die Frage, ob Materie oder Geist, Ding oder Idee Ausgangspunkt der künstlerischen Arbeit sind. Es ist letztlich eine Frage, die ganze Heerscharen von Philosophen beschäftigte und heute noch beschäftigt. Ist es der Hegelsche Weltgeist, der sich im konkreten Menschen partiell materialisiert oder ist es die Materie oder das bloße Sein, die das Bewußtsein prägt? Geht die Essenz, das Wesen der Existenz, dem konkreten Sein voraus, wie es der Deutsche Idealismus lehrt, oder gilt das Gegenteil, nämlich die Regel der Existentialisten um Jean Paul Sartre, nach der der konkreten Existenz das eigentliche Wesen folgt? In Idealistischer Sicht gibt es einen »unbewegten Beweger«, der alles determiniert, in existentieller Sicht ist radikale Freiheit angesagt, die aber letzten Endes doch keine ist. Sie würde den Menschen überfordern! Für Grimm gelten wohl andere Vorstellungen: er zeigt ein gesteigertes Interesse an östlichen, uns meist etwas fremden Horizonten. Mit dem Taoismus, Konfuzianismus, Buddhismus hat er sich intensiv auseinandergesetzt. Auch in diesen Lehren werden Unterschiede, Trennungen wahrgenommen. Doch schlußendlich werden sie aufgehoben und münden in eine geradezu harmonische Ineinssetzung von Rede und Handlung, Wort und Tat, von Geist und Materie.

Doch zurück zu den konkreten Kunstwerken des Machers. Es sind in Grimms Arbeiten ganz unterschiedliche Prozesse ablesbar: einmal beginnt das künstlerische Geschehen mit einem Wortspiel in konzeptueller Intention – sei es ein Gedicht minimalistischer Natur oder konkrete Poesie -; ein anderes Mal ist es ein sogenanntes »ready made« und das ganz in der Tradition eines Marcel Duchamps, mittlerweile einer der Ikonen der Kunstgeschichte innerhalb des frühen Jahrhunderts. Als Beispiel diene die Arbeit »Spätzle« aus dem Jahr 2002. Oder es ist ein »objet trouvé«, ein mehr oder weniger zufällig in die Hände gelangter Gegenstand, um den herum sich eine Geschichte aufbauen läßt. Überhaupt: Tom Grimm ist ein grandioser Geschichten Erzähler. Der Kasten, meist aus Holz, gleicht dann einem Bühnenbild, innerhalb dessen sich das ganze Ereignis oder muss man heutzutage von »event« sprechen, um Gehör zu finden? – abspielt. Es erscheinen dabei Haupt und Nebenschauspieler, die Tragisches komödiantisch, und Komödiantisches tragisch zur Darstellung bringen. Ein Mikrokosmos alltäglichen Geschehens tut sich auf, wenn der Vorhang sich lüftet. Alles bleibt jedoch auf die Umrisse des Objektkastens begrenzt. Erzählt werden dabei Geschichten, die erfunden oder tatsächlich geschehen sind, zumindest stets im Bewußtsein des Künstlers »erlebt« wurden. Es ist der Kosmos des kleinen, unscheinbaren Mannes, der kleinen unscheinbaren Frau, der sich widerspiegelt, nicht augenscheinlich oder offensichtlich, sondern vielmehr geheimnisvoll und verborgen. Ich denke an kleine Fluchten, die das Menschsein so interessant gestalten. Das ist überhaupt die Quintessenz Grimm‘scher Objektkunst: Das Geheimnis und Rätsel. Der Zustand des »Dazwischen«, ausgesprochen und nachgefragt, aber nicht gelöst, nicht beantwortet. Grimm ist Moralist ohne Moral! Denn er spielt mit uns, den Betrachtern. Er spielt ein ironisches Spiel, oftmals ästhetisch verkleidet, hintergründig, bisweilen frech, immer aber über aus präsent, zeitgenössisch.

Wollen wir ihn eigentlich kunstgeschichtlich einordnen? Ein bißchen Duchamps, ein bißchen Beuys, dazwischen Magritte, auch Yves Klein, Dada und Fluxus, selbst Warhol hörte ich ihn sagen. Er nennt sie alle »seine Helden«. Doch er ist sein eigener Held. Er ordnet sich nicht ein, zehrt zwar von vergangenen Größen, teilt das Schicksal der Gegenwärtigen, doch vor allem ist er Tom Grimm und damit ein Künstlerkollege, den ernst zu nehmen sich lohnt. Ob ihn deshalb Kunstmarkt und dessen Macher belohnen oder ignorieren werden, muss sich erst noch erweisen. Ihn selbst wird Wertschätzung oder Ablehnung nicht daran hindern, seinen persönlichen künstlerischen Weg weiter zu gehen und dies mit aller gebotenen Konsequenz. »Als Bildhauer bin ich ein Weichei!« Das behauptet er von sich selbst und hat eigentlich auch recht damit. Nicht Stein, Metall oder Holz sind seine bevorzugten Materialien. Er schwitzt nicht stunden-, tage-, monatelang an der Herstellung einer Skulptur oder Plastik. Er nimmt, was ihm gerade auffällt, brauchbar erscheint und beginnt mit seiner Arbeit. Tom Grimm sagt darüber hinaus immer wieder: »Meine Objekte sehen gar nicht nach Kunst aus!« Auch in diesem Fall hat er zunächst recht. Seine Arbeiten drängen sich nicht auf, sie geben sich so leichtfüßig, so selbstverständlich. Sie sind Ausdruck unseres Alltags, unserer persönlichen Lebenssituation, wenngleich sie diese sogleich wieder transformieren, in einen uns fremden Zustand über führen, der uns fast unheimlich erscheinen mag. »Nichts ist wie es scheint, und nichts scheint, wie es ist«, bemerkt der Macher süffisant. Überhaupt ist Tom Grimm ein »homo ludens«; ein leidenschaftlicher Spieler, der Freude hat, uns zu verunsichern,
uns hinter’s Licht zu führen.

Da ist die 18 Teile umfassende Reihe mit Reagenzgläsern aus den Jahren 96 und97. Sie ist ein Spiel mit Wörtern und Sätzen, die Überraschendes zutage fördert, uns Rätsel aufgibt oder einfach auch ein Aha-Erlebnis ermöglicht. Das narrative Element ist dabei besonders ausgeprägt. Oder ich denke an den Objektkasten mit dem Titel »Alptraum des Brancusi«. Papp-Kartons aus der »fast food«- Industrie erinnern an die »Unendliche Säule« des großen Bildhauers des 20. Jahrhunderts. Eine eindrucksvolle Hommage an einen der Grimm‘schen »Helden«. Oder die Arbeit »Raum (zwischen den Dingen)«: zwei Mauern, die nach hinten stetig enger zusammengeführt werden, einen immer kleineren Zwischenraum bilden, wirken kafkaesk, bedrohlich. Doch in der Ausführung »en miniature« fast schon wieder harmlos, witzig. Mit »Bettelorden div.« aus dem Jahre 1996 stellt Grimm eine Arbeit vor, die Sarkasmus offenbart, verbinden wir mit Ehrenzeichen doch genau das Gegenteil von dem, was uns da so überraschend ins Auge springt. Fast kann man den Eindruck gewinnen, hier betreibe einer einen Reliquienkult. Vielleicht ist das auch so. Nur ist die Motivation eine andere als bei der klassischen Wertschätzung sogenannter heiliger Gegenstände: Grimm ist weniger daran interessiert, Inhalte zu reduzieren, sondern vielmehr daran, Inhalte differenziert ins Bewusstsein zu heben, aufzudecken, wo Dinge zugeschüttet sind, ans Licht zu führen, wo Dinge verborgen sind. Tom Grimm ist ein sensibler Zeitgenosse, der mit seinen sorgsam komponierten Objektkästen, die meist triviale Materialien und Schlagworte zu kleinen, abgeschlossenen Systemen ordnen, die gewohnten Seh- und Denkweisen nachhaltig ins Wanken bringt.

Jürgen Knubben (Aus „Handbuch/selected works 1995-2003“, 2002, Rottweil)